Archiv für den Monat February 2012

fiftyfiftyblog Workshop Wortwechsel im Mai

Im Dezember rief mich Alexandra Romeo von NISCHENSUCHER Marketing & More an. “Du Jens, ich habe da ein Projekt, in das ich dich gerne einbinden würde. In einen Kalender in der Art eines Adventskalenders, nur halt vor Ostern in der Fastenzeit. Einen Kalender der Veränderung.” Hier der Link zum Kalender der Veränderung.

Sitze ich an meinem Schreibtisch und höre am Telefon das Wort “Projekt”, reagiere ich wie ein Pawlowscher Hund. In meinem Kopf fängt es an zu rattern. Das ist mein Job. Ich bin Ideenfinder, darauf bin ich gepolt, das macht mir Spaß. Der erste Gedanke war: Ein Workshop. Ein Schreibseminar, das den Stil des fiftyfiftyblogs aufnimmt und mit Spaß am Schreiben an das Thema Veränderung herangeht.

Mit Hilfe von Ela hab ich einen Rahmen geschaffen. Ort, Zeit, Inhalte, Unterbringung, Versorgung. All die Dinge. Und nun ist es soweit. Ihr könnt den Workshop buchen und zwei Tage dort verbringen, wo der fiftyfiftyblog Zuhause ist. Wo ich schreibe. Es wird wieder Unterricht in der Alten Schule geben, der natürlich kein Unterricht im herkömmlichen Sinne ist. Duden ab in die Ecke. Ciao, ciao. Spielen mit den Gedanken, den Buchstaben, den Wörtern, den Sätzen, den Ideen, den persönlichen Wünschen und Visionen. Rumspinnen. Warum nicht?

Jetzt bin ich gespannt, wer sich von euch traut, dabei zu sein. So nah zu kommen. Vom Digitalen, vom Internet, vom Blog ins reale Leben des fiftyfiftyblogs zu treten. Werden sich seches Menschen finden, die das machen? Die sich trauen? Ich denke, bin überzeugt, es wird gut. Mailt, meldet euch an. Ab Samstag bin ich in London und werde meine Mails nur sporadisch lesen können – wahrscheinlich. Es kann dann also eventuell dauern (ein, zwei Tage), bis ich antworte. Ich habe euch dann nicht vergessen. Bei der Anmeldung gilt natürlich, wer sich zuerst einen Platz reserviert, ist eher dabei…

Und hier nun die Infos zum Workshop Wortwechsel.

Mehr Texte, Fotos und Gedichte im www.fiftyfiftyblog.de. Unter Twitter: www.twitter.com/fiftyfiftyblog. Auf Facebook. Auf Tumblr: hier.

jens: Thursday, 23. February 2012, 13:14 in Allgemein

Freude, Frühling, Frühlingsgefühle

Also allmählich mutiert der fiftyfiftyblog zur ornothologischen Wissenschaftsstation. Thema: Der Nestbau der Elster. Am Morgen saßen Ela und ich in meinem Bett eng nebeneinander und tranken Cappuccino. Wir ließen Revue passieren, was Revue passiert werden wollte und irgendwann kamen wir auf das Thema Frühling, was bei zwei Menschen in einem Bett hier jetzt falsche Assoziationen hervorrufen könnte. Nein, nicht das. Es ging um Gänse. Ela hat die ersten vorbeifliegen sehen. Richtung Norden. NORDEN! Dort, wo es kalt und dunkel ist. Dort, wo niemand hin will, so lange es dort kalt und dunkel ist. Ergo: Bald ist es dort nicht mehr kalt und dunkel! Weil, weil, weil der Frühling kommt!

Tiere fliehen vor Erdbeben, bevor da irgendwas mit Richterskala und Erwachen von Seismographen ist. Der siebte Sinn. Das hat mit dem zu tun, was sie im CERN gerade suchen. Die letzte Information, gegen die sich die Skeptiker so wehren. Es gibt etwas, für das wir und die Tiere einen Sinn haben, den wir aber noch nicht benannt haben. Deshalb bleibt es beim Übersinnlichen, das dann Esoterik, Mythologie, Glauben oder Schwachsinn genannt wird. Alles in einen Eimer, äh Korb. Schüssel? Wie hieß das noch. Ah, alles in einen Topf werfen. Eintopf.

Bin ich mal wieder vom Pfad der Tugend, des stringenten Erzählens abgekommen. So ist das auf dem Land. Kleine Plauderei am Gartentor (das wir nicht haben) einschieben. ‘n Bier oder ‘n Kaffee? Ach, nee, danke. Muss noch arbeiten. Später dann. Zurück. Wir sprachen über heimkehrende Gänse – wenn wir davon ausgehen, dass ihr Sommerdomizil ihre Heimat ist und das Winterdomizil der Ferienaufenthalt im Süden. Ich kann wohl nur so denken. Sie kommen also zurück. Gutes Vogelzeichen! “Die Zeichen stehen gut. Wenn sich am Horizont der aufgegangenen Sonne die Zeichen zeigen, kehrt das Leben zurück. Ihr könnt jetzt gehen und das Winterlager abbrechen. Hug. Hau.”

Zweifel? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer? O.K. Jetzt kommt’s. Wir hatten dann irgendwann unseren Cappuccino getrunken und zu Ende philosophiert über alles (was letztlich nie passieren wird) und ich war allein im Zimmer, als ich SIE sah. Isabel. Die Elster. Und was hat sie gemacht? Ja. Mit dem Nestbau begonnen. Am 22. Februar. Ist das nicht irre? Durch den Blog habe ich Isabel bereits in den letzten Jahren beobachtet und über die Aktivitäten, die sie und ihr Mann Boris in den Baum gelegt haben, äh an den Tag, berichtet. 2010 am 17. März. 2011 dann am 10. März. Und nun am 22. Februar.

Also werde ich dieses Jahr wieder das Vergnügen haben, die beiden beim Nestbau, beim Ausbrüten der Eier, beim hastigen Füttern der Kleinschnäbel sowie beim Flugunterricht beobachten zu können. Ich freue mich darauf. Ihr seht, der Frühling kommt. Die Zeichen sind eindeutig. Es mag noch kleine Rückfälle geben, aber die Sonne hat hier schon ein wenig Kraft. Beim Spaziergang mit Cooper habe ich sie mir auf die Stirn scheinen lassen. Wärmt. Und dann die Augen geschlossen, die Lider locker gelassen und dieses schöne Orangerot genossen. Hach. Wie gut. Und nächste Woche London und überhaupt.

Mehr Texte, Fotos und Gedichte im www.fiftyfiftyblog.de. Unter Twitter: www.twitter.com/fiftyfiftyblog. Auf Facebook. Auf Tumblr: hier.

jens: Wednesday, 22. February 2012, 10:40 in Allgemein

Die Kunst des Nivellierens

How to live in this age of hope? Wie soll das alles funktionieren? Die Geschwindigkeit ist frappant. Beschwingend, beänstigend. Die Pole, Nord und Süd, das up and down schwingen hin und her wie eine Laterne im Wind. Wir sind dem ausgesetzt, setzen uns dem aus. “Es passiert so viel” ist eine Zeile aus einem aktuellen Popsong. Aktuell? Der ist schon Monate alt. Älter. Vorbei.

Die Highs sind überall. Wir bewegen uns auf hohem Niveau. Den fiftyfiftyblog habe ich auf Pinterest.com angemeldet. Dort werden unter anderem die besten Fotos des Netzes zusammengeklaut. Sieht man irgendwo was, drückt man einfach “Pin it” und schon ist es auf der eigenen Pinterest-Seite. Wahnsinn, was es da zu sehen gibt. Die schönsten kann man sich dann wiederum selbst in den eigenen “Like-Ordner” legen und schon hat man eine Schatzkiste. High, high level. Dazu musste man früher durch Galerien tigern oder durch Buchhandlungen, um sich die Bildbände anzusehen, die meist zu teuer waren, um sie zu kaufen. Nun ist alles easy. So easy. Auch ein Song. Easy, AC/DC, Washington DC…

Denn im Netz wohnt alles neben an. Direkt neben dem fiftyfiftyblog mit seinen bescheidenen Landfotos zum Beispiel der Fotograf Andreas Gursky mit dem derzeit teuersten Foto der Welt. Rhein II wurde im November 2011 für 3,1 Millionen Euro in New York versteigert. Schön, wenn sich Superlativen so banal in Zahlen ausdrücken lassen. Parallel dringt die Superlative immer weiter in unser Leben ein. Top-Model-Serien, Olympia, WM, Star für Baku, Formel 1, Bundesliga, Champions League, Youtube, Wer wird Millionär? Alles schlichtweg ganz oben. On the Top. Super-Super-Superlative.

Wir alle sind ganz nah dran, in den Olymp aufzusteigen. Ein richtiges Video und Zack. Berühmt. Management, Interviews, Werbetour. Wie banal wird da der ganz normale Alltag. Der Arbeitstag mit früf aufstehen, frühstücken, zur Arbeit gehen, arbeiten, Pause, arbeiten, nach Hause fahren. Und dann? Mit Kindern: Sich drum kümmern, regeln, unterstützen, fragen, beschäftigen. Ohne Kinder: Workout, Party, After-Work-Party, Freunde treffen, Clubs, Kino. Programm. Der zunehmend verkrampfte Versuch, nicht in der Mittelmäßigkeit zu landen. Schritt zu halten. Sich im modernen Leben zu positionieren. Nicht abzusacken, nicht spießig zu werden, uncool, von gestern. Ganz schöner Stress.

Wie hieß es kürzlich auf dem Poetry Slam “Reim in Flammen” in Köln: “Ich wünsche euch, dass euer Leben so schön ist, wie ihr es auf facebook darstellt.” Peng. Autschn. Der Druck ist da. Alles schön, modern, easy, stylish, cool, engagiert, durchblickend. Und dann kommt da dieses störrische normale Leben um die Ecke, das so ganz anders ist. Mit Anrufen, die einem nicht passen. Mit Jobs, die quer laufen. Mit Kindern, Freunden, Eltern, die nicht genau das tun, was man will. Sich vorstellt. All das, was nicht ins Image passen will. Was so banal ist. Normal. Down.

Hier setzt sie an, die Kunst des Nivellierens, die nichts anderes ist, als in Zeiten der großen multimedialen Bühnenshow mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben. Realität atmen, mögen. Das ganz normale Leben. Der Abend mit einem Buch und einer Tasse Tee. Das Gespräch. Unaufgeregt. Der Spaziergang durch den Park, der kein Event ist, sondern der Spaziergang durch den Park. Viele Dinge bekommen heute einen anderen Namen, um sie abzuheben. Besonders zu machen. Dabei wird vieles diskreditiert, was schon immer gut war und immer gut sein wird. Die Kunst des Nivellierens ist es, nicht im Wolkenkuckucksheim stecken zu bleiben. Nicht mit dem Kopf permanent zwischen den Sternen zu wandeln. Sich nicht zum Highlightjunkie zu entwickeln, bei all den Highlights, die da permanent warten. Wenige Klicke entfernt. Das schon gesehen? Jenes? Die Kunst des Nivellierens ist es, das Glück dort zu suchen, wo es ist. Alltagsglück. Ganz nah.

Mehr Texte, Fotos und Gedichte im www.fiftyfiftyblog.de. Unter Twitter: www.twitter.com/fiftyfiftyblog. Auf Facebook. Auf Tumblr: hier.

jens: Tuesday, 21. February 2012, 11:18 in Allgemein

Vlies, gold

Verschraubte Widderhörner
in Schläfen gedübelt
scharfe Schrauben
am Frontallappen
knapp vorbei

Der Druck
die Enge

Die Stirn geboten
mit gesenktem Kopf gen Golgatha
das ausgewachsene Lamm
Kämpfer
mit gedrehtem Horn

La Mancha

Goldene Hörner mit Schrammen
Ecken, Kanten
abgeschraubt am Fuß des Altars

Kopf geneigt
mit leicht geöffneten Augen
nur ein Gefühl noch

Sanftheit

Das Horn
als Opfergabe zu Füßen
geschmückt, gekrönt
mit Liebesblumen

Im Niedersinken
schließen sich die Augen
der Brustpanzer des Gladiators
öffnet sich

Der Körper dreht nach rechts
legt auf die Seite
das Herz dem Himmel dargeboten

Die Schwere fällt
als würde Gold in einen tiefen Brunnen sinken

Der dicke Teppich unter allem
trägt
Wolle auf Wolle
in diesem Augenblick

Die Wärme hüllt den Hauch
der geht

Wie Luft mit Luft vermischt
wie trockner Weizen
Korn für Korn
aus der Hand zu Boden fällt
wird alles leicht und hell

Der Augenblick
in allem aufgelöst zu sein
nun abzugeben
kein Körnchen mehr
für irgendeinen Kampf

Der Luftzug lässt die Kerzen des Altars
kurz flackern
die goldnen Hörner
Duft und Rauch im Raum

Nun ist es gut

Die Bögen, Speere, Schwerter
sind verstaut
kein spannen, spitzen, schleifen mehr

So ruhig, entspannt
ein Lächeln trägt
und legt sich golden
streichelnd schimmernd sanft
darüber

februar 2012

Mehr Texte, Fotos und Gedichte im www.fiftyfiftyblog.de. Unter Twitter: www.twitter.com/fiftyfiftyblog. Auf Facebook. Auf Tumblr: hier.

jens: Tuesday, 21. February 2012, 11:17 in Allgemein

Adams Kaffee

Heute war ich in Essen unweit des Baldeney Sees. Dort wohnen nette Freunde. Als ich kam, bat ich um einen Kaffee, weil ich es mag, mit netten Menschen Zeit zu verbringen und dabei Kaffee zu schlürfen. Am liebsten in der Küche, weil es dort am ehrlichsten ist.

Meine Freunde haben einen Nachbarn, der Adam heißt. Er wohnt alleine und macht was mit IT. Und er liebt guten Kaffee. Das allein würde ihn mir schon sympathisch machen, wenn er darüber hinaus nicht einfach ein sehr netter Kerl mit angenehmer Ausstrahlung wäre. “Wir rufen Adam an. Vielleicht macht er uns einen Kaffee.” Gute Idee. Dachte ich, sagte ich. Und bitte, wenn es in Ordnung ist, fragt doch, ob er mit rüber kommen möchte.

Adam hat viel Geld für eine italienische Espressomaschine ausgegeben. Keiner dieser lieblosen Automaten, die keinen Kaffee, sondern Kompromisse auswerfen. Adam hat acht Kilogramm Espresso durch seine Maschine gejagt, bevor er seinen ersten wirklich guten Espresso hatte. Es sind die vielen Dinge, die stimmen müssen. Die richtigen Bohnen mit entsprechendem Mahlgrad – abgestimmt auf die Luftfeuchtigkeit. Das gefühlvolle Anpressen des Pulvers im Siebträger, der Druck der Maschine, das Wasser. Ich weiß nicht, was noch alles.

Es klingelte an der Tür. Adam kam herein mit einem Tablett. Menschen können einander große Freuden bereiten. Ich hatte einen Cappuccino bestellt. “Hallo Adam. Das ist wirklich nett. Wie geht es dir?” Wir setzten uns. Ich bekam eine dickwandige italienische Tasse. Innen weiß, außen braun. Die Milch hatte sich mit der Espressocrema, dem Kaffeeschaum vermischt. In der Mitte war eine Art Eichenblatt entstanden. Nichts Artifizielles, keine Schablone, keine Eingießtechnik. Eine ehrliche Zufallsform. Keine Schnörkel, kein Tamtam.

Nun kann man einen ersten Schluck einfach trinken. Den Mund an die Tasse. Zack. Non. Weil ich wusste, was mich erwartet, nahm ich mir einen Augenblick. Ich weiß, Adam ist IT-Perfektionist. 1-0-1-0. Kein Zufall. Die Bohnen stammen aus Italien. Er hat nicht nur eine Sorte probiert. Nicht zehn. Der Druck stimmt, der Mahlgrad. Er ist ein Barrista. Hat sich selbst ausgebildet. Espresso um Espresso. Ich rieche, schnuppere. Erwarte den Geschmack im Mund. Ich weiß, es wird nach Kaffee schmecken. Leicht bitter. Wie Kaffee eben, aber anders. Ich nehme den ersten Schluck. Warm. Weich. In meinem Mund. Dieses Gefühl, diesen Moment kenne ich aus Italien. Ich sitze in einer Küche in Essen und schmecke Italien.

Ich könnte jetzt philosophieren, schwadronieren, weit ausholende Adjektive nutzen. Ich möchte es schlicht formulieren: Mit diesem Geschmack habe ich mich außerordentlich wohl gefühlt. Und beschenkt. Es gibt nicht viele Orte, an denen es einen solchen Kaffee gibt. Diese Küche in Essen ist einer davon. Adam ist ein außergewöhnlicher Kaffeekocher. Wahrscheinlich wegen seiner Sensibilität. Seines feinen Gespürs. Ich mag solche Männer sehr, die es schaffen, aus der Härte des Alltags herauszutreten und etwas zu geben, was so ganz und gar nicht selbstverständlich ist.

Als ich den ersten Schluck trank, spürte ich seinen Blick. Nicht starrend. Ein wenig unruhig. Nicht unangenehm, weil ich wusste, dass es nicht um Lob ging. Er weiß, was er kann. Ich trank, lächelte. Sah ihn an. Fragte. “Welche Bohne?” “Aus Florenz.” Ja, aus Florenz. Im Sommer wieder Italien. “Wann warst du zuletzt da?” “Vor 23 Jahren.” “Und?” “Ich müsste mal wieder hin.” Ja, es würde ihm gefallen. Weil man dort Schönheit atmen kann, Wichtigkeit. Er hat mir ein kleines Päckchen Bohnen abgefüllt, mitgegeben. Nocjh ein Geschenk. Adam. Es gibt wirklich nichts Schöneres auf dieser Welt, als die Herzlichkeit der Menschen. Nichts lässt sich kaufen, formen, erzeugen, was dem auch nur ähnlich ist. Es sind die stillen Verbindungen, die tragen. In Küchen, selten in Palästen. Immer, immer.

Mehr Texte, Fotos und Gedichte im www.fiftyfiftyblog.de. Unter Twitter: www.twitter.com/fiftyfiftyblog. Auf Facebook. Auf Tumblr: hier.

jens: Tuesday, 21. February 2012, 11:16 in Allgemein

Zwei Jahre fiftyfiftyblog auf Brigitte woman

Was? Zwei Jahre schon? Ich kann mich erinnern, dass das anfangs für mich ein Projekt war. Eine Spielerei. Ein Ausprobieren. Wollte mal sehen, was das ist: Bloggen. Nun bin ich zwei Jahre schlauer und kann mir ein Leben ohne Bloggen nicht mehr vorstellen.

Abhängig? Süchtig? Nach Aufmerksamkeit, oder was, oder wer, oder wie jetzt? Mit Sicherheit. Bislang habe ich in meinem Leben viele Dinge ausprobiert und bin einen nicht immer linearen Weg gegangen. Wer den Blog regelmäßig liest, kennt so einige Stationen meines Lebens. Die Station Bloggen nun ist eine, die mich täglich, wochentäglich herausfordert und in die Welt des WWW mit ihren eigenen Gestzen zieht.

Gestern habe ich auf Google+ die Rede eines Wissenschaftlers vor der Enquetekommission des deutschen Bundestages zum Thema Internet gesehen. Die dauerte drei Minuten. Ein Redegewitter, dass die ganze Dramatik der Entwicklung auf den Punkt gebracht hat. Das Internet ist nicht weniger als eine REVOLUTION. 1789, 1848, 1917, 2012.

Nie, nie war die Vernetzung der Menschen untereinander so groß wie heute. Web 2.0 ist eine Zäsur. Die Verdrahtung der Bürger/innen untereinander in einem explodierenden, sich selbst schaffenden System. Und genau dort hinein habe ich mich mit meinen Blogs und der gesamten Tumblr-, Google+-, facebook-, Twitter- & Co.-Peripherie begeben.

Anfangs wollte ich meine künstlerische Ader als Gegengewicht zum Texter for money in die Waagschale werfen. Am Anfang stand das Gedicht Kirschblütenblättersehnsucht. Es folgten viele Gedichte, die Veröffentlichung meiner Theaterstücke, der Beginn einer längeren Geschichte (Projekt Elaine). Hier gab es vereinzelt Feedback und Lob, aber die Story “Gedichte und Geschichten schreiben” scheint out. Der Keks ist gelutscht. 2.0 ist etwas anderes. Eine andere Zeit mit anderen Vorgaben. Meine Vergangenheit zum Beispiel lässt sich da nicht einfach reinintegrieren.

Das ist spannend. Allmählich entwickle ich ein Gespür für diese neue Zeit. Mittlerweile verdiene ich sogar Geld mit meiner Blog- und Social Media-Erfahrung, weil da plötzlich Unternehmen sind, die die gut brauchen können. Hier schreibe ich Konzepte, liefere Strategien und Umsetzungen. Und was soll ich sagen: Das macht ziemlich viel Spaß. Von der Kirschblütenblättersehnsucht zur Social Media-Strategie. Nie weiß man, was passiert, wenn man einen Stein ins Rollen bringt. Was was anstößt.

War ich mir anfangs nicht darüber im Klaren, wie lange dieses Projekt Blog laufen würde, so weiß ich mittlerweile, dass ich weitergehen möchte. Teil dieser REVOLUTION sein. Ich bin dabei, wir sind dabei. Es ist viel Arbeit, sich all das zu erschließen, was Internet heute ist, aber es ist gut, weil es einen Großteil unseres Lebens ausmacht. Das reale Leben hat sich partiell ins Internet verlagert. Unsere Gesellschaft, Politik, Kultur, Meinungsfindung, der Austausch finden auch im Netz statt. Das ist keine Parallelgesellschaft, sondern Teil der Gesellschaft. Und es ist kein virtueller Teil, sondern ein realer Teil. Digitales Leben. Irre. Vielleicht haben wir es noch nicht gemerkt, aber das ist Science Fiction. Das ist Beamen. Wir fliegen bereits durch den Raum und sind in Millisekunden in Afrika oder Asien. Mitten auf dem Tahirplatz oder in New York City.

Zwei Jahre nun auf Brigitte woman. Danke liebe Redaktion, dass ihr mir das ermöglicht habt. Dass ich hier als Mann bloggen darf. Danke an all die Leser/innen, die den Blog unterstützt haben. An euch. Wir haben hier viel Zeit miteinader verbracht. Sind viele Themen durchgegangen, haben manchmal kontrovers diskutiert, manchmal gelacht, geschmunzelt. Ihr habt mich getragen mit euren Klicks und Kommentaren, habt mich ermutigt, habt mir eure Aufmerksamkeit geschenkt. Von daher ist dieser Blog für mich eine äußerst gute Erfahrung.

Mehr Texte, Fotos und Gedichte im www.fiftyfiftyblog.de. Unter Twitter: www.twitter.com/fiftyfiftyblog. Auf Facebook. Auf Tumblr: hier.

jens: Friday, 17. February 2012, 10:07 in Allgemein

“Trotzdem bin ich irgendwie so traurig…”

Reeperbahn. Udo Lindenberg. Jan Delay. Kürzlich im Radio gehört. Ist einfach so schön, die Generationen verschmelzen zu sehen, zu hören.Erinnerungen, neue Eindrücke. “… bei Rock am Ring, seh ich 6.000 Leute spring’n, trotzdem bin ich irgendwie so traurig…” Jan Delay näselt. Udo nuschelt wie er es immer getan hat.

Damals schon. Anfang der Achtziger, Klassenfahrt nach Meran. Der Busfahrer, der Sohn des Busunternehmers, ein Freak, hatte ‘nen Walkman. Ey. Das war… Unbeschreiblich. Musik zum Mitnehmen, überall hören. Jeder durfte mal. Mixed Tape. Nina Hagen und Udo Lindenberg. “Kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier…” oder “Um mir ein Bett im Moos zu bauen…”

Das Leibgedächtnis, das Körpergedächtnis. Ein Geruch, eine Situation, ein Klang und die Leute in der Bibliothek im Oberstübchen fangen an zu laufen, zu raufen, mit Udo zu saufen. Eierlikör. Magic Moments. Radioflashs unterwegs. Ich hatte den Song gehört, als ich auf dem Weg zu meiner Mutter war. Formalitäten erledigen. “Trotzdem bin ich irgendwie so traurig…” Udo. Mein Vater. Jan Delay. Alles eins. “…ich steh cool in Venezia, mit ‘nem Drink in Harrys Bar…” Da gibt es die Fotos auf der Rialtobrücke. Beim Papa an der Hand. Kleiner Blondschopf, Mädchenlocken, nackte Beine, Wollhose, dicker Windelpo. 1967. Blick nach oben. Papa. Es ist schön, wenn die Zeiten verschwimmen, wenn die Traurigkeit in die Erinnerung fährt, wenn das Lächeln färbt. Obsiegt.

Ich hätte euch hier gerne das Originalvideo eingestellt, aber das ist nicht von Jan Delay und Udo Lindenberg eingestellt. Ein professioneller Live-Mittschnitt eines Konzerts auf dem Kampnagel in HH. Damit ist nicht klar, wer die Rechte hat und ich mag mir keine Abmahnung von einem dieser geleckten Abmahnungs-Rechtsanwaltshaie einfahren. Deshalb hier nur der Link. Viel Spaß. Udo Lindenberg feat. Jan Delay – Reeperbahn 2011 (What It’s Like)

Mehr Texte, Fotos und Gedichte im www.fiftyfiftyblog.de. Unter Twitter: www.twitter.com/fiftyfiftyblog. Auf Facebook. Auf Tumblr: hier.

jens: Thursday, 16. February 2012, 11:32 in Allgemein

Alea ACTA est oder alles ad ACTA?

Ich hatte lange keine Lust, mich hier im Blog politisch zu betätigen. Das letzte Jahr war unruhig genug und Christian Wulff hat mich nicht genügend inspiriert, um über ihn zu schreiben. Das überlasse ich gerne Spiegel Online, die das wunderbar machen. Wie ein Terrier hängt das Magazin dem BP an der Wade. Arme Socke, könnte man sagen. Muss man aber nicht und werde ich nicht. Das ist dann doch eher Zauberlehrling: Die Geister, die ich rief oder wie naiv kann ich als Politiker sein. Ich werde später auf Deutschlands bekanntesten Urlauber, Handynutzer, Schnäppchenjäger und Eigenheimbesitzer zurückkommen.

Zunächst aber ein anderes Thema. Das Anti-Counterfeiting Trade Agreement, kurz ACTA, (dt. Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen). Wo Pirtaterie im Namen vorkommt, dürfen die Piraten natürlich nicht fehlen. Ich hatte mich im Stillen immer gefragt, was diese Partei für eine Daseinsberechtigung hat und weshalb da schon wieder Parteien gesplittet werden. Nun weiß ich es. Weil es einen Demokratiebereich gibt, der sich Internet nennt. Ein Universum, das so groß ist, dass Vasco da Gamas & Co. lossegeln, um Kolonien zu entdecken. Der kampf des 21. Jahrhunderts ist entbrannt, es geht darum, wer die Lufthoheit an sich reißt. Ich werde martialisch, kriegerisch, weil wir in aggressiven Zeiten leben. Irak, Afghanistan, Somalia, Ägypten, Jemen, Libanon, Syrien und WWW.

Nun kam letzte Woche Jim nach Hause. Er erzählte vom Geschichtsunterricht seiner neunten Klasse. 30. Januar 1933. Die Wahl, der Erfolg, der Brand des Reichstages, die Notstandsgesetze, das Ermächtigungsgesetz und fertig war die Diktatur. Deutschland hatte seine junge Demokratie aus den Händen gegeben. Demokratie gegen Diktatur eingetauscht. Der dämlichste Deal aller Zeiten. Heute fragt man sich mit der “Gnade der späten Geburt”: Wie konnte man nur so ausgesprochen dumm sein? (Gibt ja noch genügend Glatzen, die das immernoch für ein gutes Modell halten).

Wir unterhielten uns über Demokratie und wie so etwas passieren kann und aus meinem Kopf sprudelten die Erklärungsversuche des Standardprogramms. Mein Kopf will sich mit dem alten Scheißscheiß nicht mehr wirklich auseinandersetzen. Die Bilder der Entnazifizierungsfilme, die ich mit 13 in der Schule gesehen habe (“Ein Tag im KZ” vor der Frühstückspause – Danke auch!), reichen mir bis in die nächsten zehn Leben. Das Politikermantra “Das darf nie wieder geschehen” ist eintätowiert. Ich habe verstanden.

Am nächsten Tag kam Jim dann: “Papa, kennst du ACTA? Die wollen das Internet zensieren und ein Großteil der europäischen Länder hat schon zugestimmt.” Ich musste passen. Erzählte was von amerikanischen Gesetzen, die gerade gekippt würden und ich könne mir nicht vorstellen… Ich ging ins Büro, um zu arbeiten, da lag schon eine Mail von Jim im Postfach. Über eine Etage runtergeschickt. ACTA. Das Abkommen. Tatsächlich ein Thriller. Mit allem, was dazugehört. Geheimverhandlungen mit Lobbyisten.

Ich habe mich eingearbeitet, habe Spiegel Online zum Thema gelsen, Wikipedia. Las von Polen, wo die Hölle los ist wegen des Abkommens. Ich erinnerte mich an meine Geschichtslehrerin, die immer sagte, es gäbe in Europa kein freiheitsliebenderes Volk als die Polen. Auch wenn die sich in den letzten Jahren manchmal arg verwählt haben. Nun: Die Polen wissen aus ihrer Geschichte heraus, was es bedeutet, wenn Freiheit bedroht wird. Wenn man zwischen Großmächten eingekesselt ist, die einem ans Leder wollen. Einmarsch. Hand drauf. Fahne hissen. Claim abstecken. Aufteilen. Also zeigen sie bei ACTA eine allergische Reaktion. Sie sind das Indikatorpapier zur Aufdeckung schleichender Übernahmeprozesse.

Am Wochenende gingen also deutschlandweit junge Menschen gegen ACTA auf die Straße. Die Piraten organisierten, machten, taten, während die großen demokratischen Parteien versuchten zu verstehen, was das Internet überhaupt ist. Mich beschleicht das Gefühl: Da gibt es viele gewählte Volksvertreter/innen, die können das gar nicht denken. Die sind nicht eingestiegen und begreifen nicht, was los ist. Zudem sind sie arg beeinflusst von Lobbygruppen wie der Musikindustrie, die am liebsten Zäune aufstellen würden und Mauern errichten und Online-Gefängnisse – www.guantanamo.com.

Auf Netzpolitik.org erschien gestern ein interessanter Bericht, wie die Lobbygruppen arbeiten. Den Demonstrierenden wird vorgeworfen, sie würden “demokratische Institutionen” angreifen. Super Versuch, das Mittel der Demonstration als apolitisch und konterrevolutionär zu geißeln. Hallo, wo leben wir?

Die Jungen, die, denen wir immer vorgeworfen haben, sie seien so apolitisch, die gehen auf die Straße. Sehen die Gefahr der Einschränkung des Internets durch Interessenpolitik, weil sie das Internet kennen. Mit ACTA hätte es wohl kein Wikileaks gegeben, weil das Copyright der veröffentlichten Unterlagen sicherlich nicht by Assange lag. Und was hätten wir dann alles nicht erfahren? ACTA ist der Einstieg, die schwammige Formulierung, der unbeholfene Erstling, der als Handelsabkommen getarnt ist und doch letztlich dazu taugt, Macht im Internet auszuüben. Big brother is watching you und der große Bruder bestimmt darüber hinaus. Chinesische Verhältnisse? Was wäre aus dem tunesischen und ägyptischen Fühling ohne ein freies Internet geworden? Bekommen da Leute kalte Füße? Lieber mal eine Hand drauf haben…

Ich persönlich freue mich sehr, dass es in Deutschland die Piraten gibt, die sich dem Thema annehmen und dass junge Menschen letztlich für Demokratie auf die Straße gehen. Internetfreiheit als die neue Pressefreiheit. Die Freiheit des Internets ist unantastbar. Solch einen Artikel gibt es noch nicht. Die Politik hat da ein paar Dinge noch nicht verstanden. Aus Unwissenheit? Weil die Akteure zu alt sind? Nicht auf dem Stand der Zeit? Hey. Hier wird gerade Geschichte geschrieben. Hier werden Weichen für etwas Größeres als den illegalen Musikdownload gestellt. Da kann man nicht mal eben ahnungslos das Händchen für etwas heben.

Schade, dass wir gerade keinen Bundespräsidenten haben, der da einschreitet und die Stimme erhebt. Denn: Wer würde ihm glauben? Wo ich mir schon einmal erlaube, politisch zu werden, möchte ich zum Abschluss gerne noch dafür plädieren, das Amt des Bundespräsidenten geeigneter zu besetzen. Muss ja kein Kind von Traurigkeit sein, aber ein Bundespräsident, eine Bundespräsidentin, der/die aus Überzeugung agiert. Nicht aus persönlichem, bereichernden Kalkül. Nicht raffen, geben.

Mehr Texte, Fotos und Gedichte im www.fiftyfiftyblog.de. Unter Twitter: www.twitter.com/fiftyfiftyblog. Auf Facebook. Auf Tumblr: hier.

jens: Wednesday, 15. February 2012, 09:39 in Allgemein

Cool, cold water – fresh up:)

So. Da las ich doch kürzlich was in meinem Blog von wegen “Weichei”. Ich hatte wegen der Kälte ein wenig gejammert. Sibirien und so. Da konnte ich Anspielungen in Richtung “echter Kerl” und “seinen Mann stehen” rauslesen. Is ja richtig. Dieses Rumgejammere bringt ja Null Komma nix. Nun muss ich aber doch dazu erwähnen, dass ich ja bei allem Minustemperaturen-Gezetere doch jeden Tag in der Frühe draußen bin.

Also so richtig in der kalten Luft bevor die Sonne aufgegangen ist, was sie hier gerade wunderschön macht, um mich am Schreibtisch von Ost, leicht Süd-Ost, aufzuwärmen. Sehr freundlich, auch, wenn ich das natürlich nicht brauche, weil ich selbstverständlich eisenhart bin. Heizung? Ach was. Warmes Wasser? Das da oben in dem Film ist meine morgendliche Dusche. Das könnt ihr einem waschechten Werbetexter ruhig mal glauben:) Mr. Davidoff. Ich habe euch den Werbespot rausgesucht – richtig aus dem wahren Leben.

Mein Eisbach-Video (Premiere im Blog anlässlich der Bienale!) habe ich als Wachwerd- und Cooldown-Video für die Multiverwendung aufwendig und unter größten Gefahren inklusive Abseilen und in der Felswand festnageln gedreht. Is ja klar. Die Sicherungsleine hatte ich an das Gipfelkreuz geknotet und Herr Cooper assistierte mit einer Thermoskanne heißem Tee am eigenen Seil. Sah schon komisch aus, wie der da so mit Gurt und Helm hing. Jetzt wo die Sonne aufgeht, wäre das Eisbach-Video natürlich noch schöner geworden, aber bitte, ich kraxel da jetzt nicht wieder rauf, wo ich gerade so schön hier sitze (bei offenem Fenster und einem kühlen Glas Quellwasser on the rocks).

Menno. Dieses Video in HD-Quality hoch zu laden dauert eine Ewigkeit. 130 MB, die dann von Youtube runtergerechnet werden – und das alles mit Rechenschieber in China, weil das günstiger ist. Aber wenn es dann da ist, ich bin gespannt… Und der Sound des plätschernden Nasses. In etwa so wie ein prasselndes Kaminfeuer auf einem Großbildfernseher. Ja, ja, teilweise ist es nicht scharf. Da wollte ich zu nah ran. Avanti diletanti. Schön is ja, hier im Blog muss ich nicht ganz so professionell sein. Da kann ich mir Amateurspaß erlauben. Mach ich dann ja auch.

Als kleine Extra-Erfrischung hier unten noch das Foto zum Film. Eigentlich hätte ich noch ein Make-off drehen sollen. Diese Möglichkeiten heutzutage, Wahnsinn.

Mehr Texte, Fotos und Gedichte im www.fiftyfiftyblog.de. Unter Twitter: www.twitter.com/fiftyfiftyblog. Auf Facebook. Auf Tumblr: hier.

jens: Friday, 10. February 2012, 10:23 in Allgemein

Da isser wieder…

Hallo ihr Lieben. Da war der Blog verwaist. Keine News, keine neuen Beiträge, keine Antworten auf Kommentare. Von der Bildfläche verschwunden. Weshalb? Tja. Das ist nicht ganz so einfach zu beschreiben. Es gibt Dinge, die sind größer als wir. Letzte Woche Mittwoch war ich ganz normal in meinem Leben unterwegs. Ich hatte gearbeitet, meinen Part an Familienjobs übernommen, war am Abend beim Training, kam zurück, ging kurz ins Büro, um Mails zu checken und den Rechner auszuschalten. Alles ganz normal. Schöner, ruhiger, geregelter Alltag.

Da klingelte mein Handy. Im Display erschien der Name meines Bruders, ich klappte es auf. Dachte, es würde um seinen neuen Job gehen, um das Organisieren von irgendetwas. Es war kurz vor 22 Uhr. Aus dem Telefonhörer liefen Tränen über meine Haut. Seine Stimme zitterte. Kurz zuvor war unser Papa gestorben. Nach einer Pause, nach einem Sammeln des nötigen Atems die Nachricht. “Jens, der Papa ist gerade gestorben.”

Man kann sich auf alles vorbereiten, man kann Situationen simulieren, versuchen zu antizipieren. Er ist 77 Jahre alt geworden und ich hatte gedacht, ich wäre einigermaßen vorbereitet, hätte einen Schutz, einen Umgang, eine Möglichkeit, das anzunehmen, was irgendwann unaufhaltsam ist. Denkste. Der Boden weg, irgendwie funktioniert die Stimme, sagt was. Die Ratio versucht zu ordnen, zu überlegen, zu trösten, zu handeln. Mein Bruder hat mir erzählt, was geschehen war. Herzinfarkt in einem Restaurant. Spät kommende Notärzte, Sanitäter, die um sein Leben gekämpft haben. Das ganze Programm. Emergency Room.

Ich gehe zu Ela, sag es ihr, sie umarmt mich. Es bleibt nur, Boden zu finden. Halt. Reagieren, handeln. Ich setze mich ins Auto, fahre los, komme an. Drei Brüder und eine Mutter. Wir sitzen die Nacht über da, reden und reden. Sortieren, erinnern. Am nächsten Morgen schon der Termin beim Bestatter. Sarg wählen, Anzeige texten, Karten gestalten. Zum Gärtner, Kränze aussuchen, Schleifentexte schreiben. Wer hätte das gedacht, dass sich mein Beruf mal so nutzen lässt. Die Träger organisieren, den Beerdigungstermin mit dem Pfarrer absprechen, die Blaskapelle fragen, ob sie für meinen Papa ein letztes Mal spielt. Mit den Nachbarn sprechen, die den Sarg tragen werden.

Zwischendurch kommen immer wieder die Tränen, wenn das Jetzt auf die Erinnerung trifft. Es ist härter, als ich gedacht hätte. Andererseits ordnen sich Dinge. Ich kann meinen Vater ausschließlich positiv sehen, kann ihm für alles danken, was er getan hat. Ich bin sehr froh, dass es den Abend mit der Flasche Rotwein gegeben hat, über den ich hier mal berichtet habe. Châteauneuf du Pape mit Papa. März 2010. Eine Art Aussprache. Im Reinen. Da bin ich froh.

Am Montag wurde er beerdigt bei eisigen Temperaturen. Die Kirche war voll, der Pfarrer hat viel über sein Leben erzählt, die Blaskapelle hat für ihn gespielt, die Verwandten aus Westfalen waren da. Ein guter, tröstlicher Übergang. Nun bin ich wieder hier, arbeite seit Dienstag, komme in den Trott, den Schritt, den Klang des Alltags. Er fehlt mir. Ist täglich da. Tröstlich für mich: Als Buddhist glaube ich an Wiedergeburt. Von einem Lama habe ich die Übertragung eines alten tibetischen Rituals für bewusstes Sterben. Es hilft, den Übergang positiv zu beinflussen und dem Geist, den wir meist Seele nennen, zu unterstützen. Damit kann ich etwas tun. Für mich. Für ihn. Ordnen, im Unfassbaren Sinn suchen. Ich weiß ihn nun an einem guten Ort und freue mich für ihn, dass er seinen Weg gehen kann. Leicht, frei, ohne die Gehbehinderung, die ihn 36 Jahre lang gebremst hat.

Verzeiht, dass ich hier ein so schweres Thema poste. Nur ist es eben so, dass auch der Tod zum Leben gehört. Und auch im fiftyfiftyblog wird gestorben. Wer hätte das gedacht.

P.S. – Ich danke der evangelischen Kirche, die ich von ihrer besten Seite kennenlernen durfte. Mit meinen Brüdern und meiner Mutter war ich am Sonntag im Gottesdienst und am Montag im Beerdigungs-Gottesdienst. Es haben zwei Pfarrer gepredigt, die von ihrer Aufgabe beseelt waren. Sonntags ging es um das Buch der Psalmen. Fast war es eine Sonntagsschule. Äußerst beeindruckend, sehr glaubwürdig, eine moderne Kirche, die etwas zu sagen hat. Eine authentische Botschaft an dem Ort, an dem ich konfimiert wurde und meinen Glauben im stupiden Auswendiglernen von Versen verloren habe. Schön zu wissen, dass es Menschen gibt, die sich fernab von Apps und hipper Modernität um das Seelenheil kümmern. Das macht Sinn.

jens: Thursday, 09. February 2012, 09:29 in Allgemein